Der systemische Ansatz hat die Psychotherapie, Beratung und Familienarbeit nachhaltig geprägt. Er ermöglicht Perspektivenwechsel, macht Beziehungsdynamiken sichtbar und fördert Verständigung. In vielen Kontexten ist das ein grosser Gewinn.
In meiner täglichen Arbeit als Psychotherapeutin sehe ich jedoch ebenso klar, wo dieser Ansatz an seine Grenzen stösst und wo er bei häuslicher, insbesondere psychischer Gewalt, zu folgenschweren Fehlannahmen führen kann.
Dieser Beitrag richtet sich ausdrücklich an Fachpersonen: TherapeutInnen, BeraterInnen, Coaches, Mitarbeitende in Familienhilfe, Kindesschutz und Mediation. Nicht als Kritik am systemischen Denken an sich, sondern als notwendige fachliche Differenzierung dort, wo Neutralität und Zirkularität nicht schützen, sondern schaden.
1. Gewalt ist keine zirkuläre Dynamik, sie ist asymmetrisch
Systemische Arbeit basiert auf der Annahme zirkulärer Wechselwirkungen: Verhalten beeinflusst Verhalten, Muster stabilisieren sich gegenseitig, Verantwortung wird geteilt. Diese Logik greift bei psychischer oder häuslicher Gewalt nicht.
Psychische Gewalt ist intentional, asymmetrisch und funktional. Sie dient Macht, Kontrolle, Dominanz und Selbstwertregulation. Sie entsteht nicht aus einem Beziehungsproblem, sondern aus Täterverhalten.
In der therapeutischen Praxis begegnen mir immer wieder typische Formen psychischer Gewalt:
- Gaslighting und Realitätsverzerrung
- subtile Abwertung und chronische Kritik
- emotionale Erpressung, Rückzug, Schweigen als Bestrafung
- instrumentelle Wutausbrüche
- Kontrolle, Einschüchterung, Schuldumkehr
- strategische Selbstdarstellung gegenüber Fachpersonen
Das sind keine „Interaktionsmuster“. Das sind gezielte Strategien.
2. Empirische Einordnung: Konflikt ist nicht gleich Gewalt
Die Forschung stützt diese Unterscheidung klar. Besonders relevant ist die Typologie von Michael P. Johnson, der zwischen situational couple violence und intimate terrorism unterscheidet:
- Situational Couple Violence: wechselseitige Eskalationen aus Konflikten heraus, ohne übergeordnetes Kontrollmotiv.
→ Hier können systemische oder paartherapeutische Interventionen sinnvoll sein. - Intimate Terrorism: einseitige, systematische Gewalt mit Kontroll- und Machtmotiv, häufig primär psychisch.
→ Hier sind Paartherapie, Mediation und systemische Neutralität kontraindiziert.
Studien zeigen, dass gerade bei kontrollierender Gewalt Paartherapie das Risiko für Re-Traumatisierung erhöht und Täterstrategien stabilisieren kann (Johnson, 2008; Gondolf, 2012).
Die zentrale Erkenntnis lautet: Gewalt mit Macht- und Kontrollmotiv ist kein Beziehungsproblem, sondern ein Täterproblem und erfordert eine andere diagnostische und therapeutische Haltung.
3. Die systemische Brille führt zu Fehlbeurteilungen, das zeigt sich in der Praxis
Viele PatientInnen kommen in meine Praxis, nachdem sie bereits Elterncoachings, Mediationen oder Paartherapien durchlaufen haben. Oft berichten sie von Aussagen wie:
- „Sie triggern sich gegenseitig.“
- „Sie müssen beide Verantwortung übernehmen.“
- „Es gibt immer zwei Seiten.“
Was in der Praxis dann sichtbar wird:
- Der gewaltausübende Partner wirkt reflektiert, kooperativ, eloquent.
- Die betroffene Person wirkt angespannt, unsicher, emotional, erschöpft.
- Fachpersonen ziehen den falschen Schluss, weil der Gewaltkontext nicht erkannt wird.
Das Ergebnis ist häufig eine Pathologisierung der Betroffenen bei gleichzeitiger Normalisierung des Täterverhaltens.
4. Warum Elterncoaching, Paartherapie und Mediation strukturell versagen
Diese Verfahren setzen drei Dinge voraus:
- Gleichwertigkeit
- Sicherheit
- freiwillige Kooperation
Bei psychischer Gewalt fehlt alles davon.
Paartherapie
Opfer filtern ihre Aussagen aus Angst vor Konsequenzen. Täter nutzen das Setting zur Machtsicherung. Die systemische Idee geteilter Verantwortung verkennt die Asymmetrie.
Mediation
Mediation verlangt Verhandlungsfähigkeit. Täter haben sie und Opfer in Gewaltverhältnissen nicht. Das Verfahren verstärkt ungewollt die bestehende Machtungleichheit.
Elterncoaching
In Elterncoachings erlebe ich häufig, wie Täter Fachpersonen instrumentalisieren, um sich als kooperativ darzustellen, während Betroffene als schwierig oder dysfunktional erscheinen. Die Gewalt bleibt unsichtbar.
Diese Verfahren können Gewalt nicht abbilden, weder diagnostisch noch strukturell.
5. Fachliche Kernproblematik: Systemische Neutralität vs. Gewaltkompetenz
Systemische Neutralität ist in vielen Kontexten sinnvoll. Bei Gewalt kollidiert sie jedoch mit professioneller Verantwortung.
Gewaltarbeit erfordert:
- eine klare Täter-Opfer-Differenzierung
- Benennung von Grenzüberschreitungen
- Schutz- und Sicherheitsorientierung
- Aufklärung statt Musterrelativierung
- bewussten Ausstieg aus falscher Ausgewogenheit
Neutralität schützt hier nicht. Sie erhöht das Risiko fachlicher Fehlentscheidungen.
6. Was Fachpersonen brauchen und warum Schulung entscheidend ist
Die meisten Fachpersonen handeln engagiert und wohlwollend. Was häufig fehlt, ist spezialisierte Gewaltkompetenz, insbesondere im Bereich psychischer Gewalt und narzisstischer Täterstrategien.
Dazu gehören:
- sichere Unterscheidung von Konflikt und Gewalt
- Erkennen manipulativer Kommunikationsmuster
- Einordnung narzisstischer Dynamiken
- Vermeidung unbewusster Täterallianzen
- Schutzorientierte Gesprächsführung
- professioneller Umgang mit Asymmetrie
Diese Kompetenzen entstehen nicht automatisch aus systemischer Ausbildung. Sie müssen gezielt geschult werden.
Hinweis zur fachlichen Einordnung:
Als Psychologin arbeite ich mit Betroffenen von Gewalt und struktureller Ohnmacht. Meine Kritik an familienorientierten Verfahren basiert auf eigener systemischer Ausbildung und Erfahrung sowie traumaspezifischem Fachwissen. Ziel ist es, Dynamiken sichtbar zu machen, die im familienpädagogischen Bereich häufig unberücksichtigt bleiben, und so zum besseren Schutz Betroffener beizutragen.
Autorin:
Lic. phil. Yvonne Affolter
Eidg. anerkannte Psychotherapeutin und Coach
Systemische Therapeutin
NNPN Notfallpsychologin